
Purpur
Mythologie, Geschichtsforschung und
archäologische Funde deuten gleichermaßen auf Phönizien als Ursprungsland der
Purpurfärberei hin. Auf Kreta soll schon um 1600 v.Chr. Purpur gewonnen worden sein,
während für Phönizien, der Überlieferung nach, der Beginn der Purpurfärberei ins Jahr
1439 v.Chr. gesetzt wird.
Im Früh- und Hochmittelalter war
Byzanz der Hauptlieferant für die begehrten Purpur- produkte. Die große Kulturmetropole
war der Ort, an dem die Kunst der Seiden- manufaktur am höchsten entwickelt war; hier
wurde auch nach östlichen, vor allem persischen Vorbildern die Seidengewinnung, das
Färben, das Weben und auch die Goldstickerei geschult.
Der Begriff Purpur im Altertum umfasste alle, bei der Purpurgewinnung aus
verschiedenen Muschelsekreten erzielten Farbtöne, und die mit ihnen gefärbten Produkte,
wie Pergament, Wolle, Baumwolle, Seide, Halbseide und Wildseide, sowie die seltene
Muschel- seide, auch Meerseide genannt. Bei der sogen. subsericae,
der Halbseide, wurde beim Weben für die Kettfäden gesponnene, chinesische
Rohseide und für den Schuß Wolle oder Baumwolle verwendet.
Bei der genannten Muschelseide handelt
es sich um goldmetallisch glänzende Byssusfäden, die von der Steckmuschel, der
Pinna nobilis produziert wurden und zu teuren Handschuhen, Schals,
Umschlagtüchern und Strümpfen verarbeitet wurden. Im Mittelalter entwickelte sich um
Taranto in Italien ein recht exklusiver Industriezweig, der diese Luxusartikel aus
Muschelfäden herstellte. Die von der Steckmuschel gesponnen Fäden, waren so fein wie ein
menschliches Haar und so weich wie Seide. Ihr Aussehen kam einer schmutzig weißen,
goldschimmernten Seide gleich und wurde auch Steckmuschelwolle genannt.
Die seltene Meerseide
wurde im Altertum als Byssus bezeichnet, ein Name mit dem gleich mehrere
Textilprodukte gekennzeichnet waren. Der expandierende Seidenhandel in Europa machte
diesem Industriezweig um Toranto ein Ende.
Purpur bedeutet nicht, wie oft
fälschlicherweise angenommen, eine leuchtende, rote Farbe, vielmehr ist Purpur eine
Aussage über das Ergebnis eines Färbeprozesses. Es gab neben dem roten Karminpurpur auch
grünen, blauen, violetten und schwarzen Purpur. Dieser schwarze, bzw. tiefdunkel-violette
Purpur war das Ergebnis des längsten Färbeprozesses, unter Zugabe von reichlichem
Schneckensekret.
Färbung
Die Kenntnis über die antike
Purpurherstellung verdanken wir im wesentlichen einem Bericht
des älteren Plinius in seiner Naturalis historia (9,124 bis 141). Auch
der große Denker der Antike Aristoteles beschäftigt sich in seiner (hist. Anima) mit der
Umschreibung der Wassertiere.
Zur Färbung dieser Elemente
verwendete man das schon genannte Drüsensekret der unterschiedlichsten
Gastropoden. Der Färbestoff wird von der Schnecke im vorderen Abschnitt ihrer
Hypobranchialdrüse erzeugt. Frisch aus dem Organ entnommen ist der Stoff bei bestimmten
Schneckenarten weiß bis blaßgelblich.
Aristoteles und Plinius bezeichnen den
Farbton bei den meisten Gastropoden als dunkelrot bzw. schwarz. Plinius umschreibt das
Aussehen des kostbaren Saftes als Farbe einer schwarzs-chimmernden Rose: nigrantis rosae
colore sublucens Der Sonne ausgesetzt, wird das Färbegut erst zitronengelb, dann
grünlichgelb, geht dann in grün über und wandelt sich schließlich in violett, welches
wiederum mehr und mehr dunkelt, je intensiver die Sonnenstrahlen darauf einwirken. Bei
einer gezielten Unterbrechung der Sonnenbestrahlung während des Färbeprozesses bekommt
man die erwähnten Purpurfarbtöne. Nähere Angaben über die einzelnen
Purpurschneckenarten und deren Farbsekrete werden weiter unten behandelt.
Purpurfarbtöne
Die Farbtöne nach dem Färbeprozess
unterschieden sich zunächst je nach der verwendeten Schneckenart und der Dosierung ihres
Sekretes. Die gewünschten Ergebnisse waren meist unterschiedliche Rottöne, die von
violett über violettrot, carmesinrot, scharlachrot, karminrot bis hin zum fast schwarzen
Violett reichten.
Eine weitere Möglichkeit, verschiedene Farbtöne zu erreichen, bot sich durch die
schon erwähnte Farbwandlung des Purpurs im Sonnenlicht. Der Kirchenvater Basilius
umschreibt die Farbe des Purpurs: Woher geben die Purpurschnecken den Königen
den Purpur, der an Farbenpracht selbst die Blumen der Wiesen zurücklässt.
Man brauchte bei
diesem Prozeß nur die Sonnen- bestrahlung des Färbegutes zu unterbrechen und erhielt je
nach Bedarf gelbe, blaugrüne, rote oder violette Farbtöne, unterschiedliche Blautöne
bis hin zum indigofarbenen Schwarzblau und Schwarz- violett. Um
bestimmte Farbtöne, wie karminrot und dunkelblau zu erzielen, wurde doppelt gefärbt oder
man bediente sich der Farbzusätze, von Kermes, Fucus und Indigo.
Purpur im Farbkanon
Bestimmte Kleidungsstücke in der
Liturgie ließen sich oftmals nicht farblich einordnen und man gab ihnen deshalb meist
recht profane Beschreibungen, die etwa lauteten: casula colore de soupe en vin,
horseflesh, Eselfarb incarnatae, epatico, obscura, marmorea. Je nach Verfahren und
Intensität der Färbung fielen die jeweiligen Kleidungsstücke weißlich, grün, rot, bis
schwärzlich aus. In einem Londoner Inventarium
von 1245 differenziert man in der Beschreibung der liturgischen Gewänder zwischen
purpureo sanguineo sive epatico, rubea purpura, purpura quasi marmorea, nigra purpura,
purpura fusca. 
Schöpferfarbe Purpur
Die Schöpferfarbe Purpur
ist zugleich die kaiserliche Farbe, denn die Herrscher haben die Macht von Gott. Purpurrot
ist insbesondere auch die Farbe Roms. Purpur bedeutet für die Menschen der klassischen
und vorklassischen Epochen, ja noch des gesamten Mittelalters, die reinste Verkörperung
des Farbbegriffs Rot. Rot aber ist die Farbe des Blutes, das Sinnbild des Feuers und der
Sonne. Magie knüpfte an diese lebendigste aller Farben.
Einen Purpurmantel lässt Pontius
Pilatus dem gegeißelten Christus umlegen (Matth.27,28); diese Verspottung des, des
Hochverrates Angeklagten, die im römischen Rechts- gebrauch ihre Wurzeln hat, ließ sich
gut mit der früh- christlichen Lehrmeinung vereinen, Christus habe in seiner Passion
seine ewige Königsherrschaft angetreten, zu der er sich im Verhör durch Pilatus
ausdrücklich bekannt hatte.
Der schöpferische Purpur ist neben
scharlachrot, blau, Gold und weiß in den Vor- schriften des Alten Testamentes für die
priesterliche Kleidung verankert und gleichsam von Gott für seinen Dienst geheiligt.
Eine farbliche Angleichung der Kleidung Christi und Marias
durch die vorwiegende Verwendung von Purpur in allen Schattierungen, Gold, scharlachrot
und blau, findet ihre Erklärung in biblischen bzw. apokryphen Quellen. In den beiden
nachfolgenden Ab- schnitten möchte der Autor auf diese Antiken Überlieferungen eingehen.
Purpurschnecke
Die Purpurschnecken (lat. purpuridae)
gehören zu der Familie der Vorderkiemer. Sie sind Fleischfresser und haben ihren
Lebensraum besonders in wärmeren Gewässern. Von ihren zahlreichen Arten ist die
vornehmlich an den Küsten Afrikas vorkommende purpura haemostoma die bekannteste. Weiter
gibt es die murex brandaris (Bolinus brandaris), auch Brandhorn oder
Türkenblut genannt und die Hexaplex trunculus, die beide, noch in stärkerem
Maße als die purpura haemostoma zur Farbgewinnung genutzt wurden.
Eine dritte
Murex-Art stellt die murex erimaceus dar, die aber eine geringere Rolle in der
Purpurgewinnung spielte. Außerhalb des Mittelmeerraumes kommt die oben schon genannte
purpura lapillus (Nucellalapilus) im Atlantischen Ozean vor, die von den Bewohnern der
Bretagne in alter Zeit zum Färben benutzt wurde. Ebenfalls im Atlan- tischen Ozean findet
man die murex cornutus, die aber hauptsächlich an der Westküste Afrikas anzutreffen ist.
An beiden Küsten Mittelamerikas und an der Küste Equadors gibt es die Purpuriden purpura
pansa und patula sowie purpura persica.
Purpursaft (Drüsensekret)
Das Farbsekret der Schnecke ist nichts
anderes als der Schleim einer an der Wand der Atemhöhle liegenden Drüse; dieser Schleim
kommt auch bei anderen Schneckenarten vor, aber nur die Purpurschnecken besitzen die
färbende Eigenschaft. Zur Gewinnung des Farbsekretes bei größeren Muscheln brach man
das Gehäuse auf und erhielt so die Schleimdrüse, bei kleineren Schnecken verfuhr man
rationeller, indem man die Tiere im ganzen zerquetschte. Ein antiker Autor beschreibt
diesen Vorgang genauer: Die Purpurfischer, sagte er, zerschlagen die Schale und
töten dabei die Schnecken mit einem einzigen Schlag eines Steines. Wenn dieser Schlag zu
schwach ist, so dass die Purpurschnecke noch lebt, ist sie für die Färbung unbrauchbar,
denn vor Schmerz lässt sie den Saft ausfließen.
Bei dem gewonnenen Schneckensekret
handelt es sich um einen noch nicht ausgebildeten Farbstoff, sondern nur um ein
Farbstoffvorprodukt (Chromogene). Die Bildung des eigentlichen Farbstoffes erfolgt
entweder durch enzymatische Hydrolyse oder durch Säurehydrolyse. Bei der enzymatische
Hydrolyse vollzieht sich unter der Aktivität des Enzyms Purpurase unter der Einwirkung
von Luftsauerstoff und Belichtung.
Bei der Reduktion der Drüsenextrakte
durch Kochen unter Zusatz von Salzsäure erfolgt eine Farbstoffbildung durch
Säurehydrolyse. Der Temperaturbereich bei diesem Arbeitsprozess muß unter 70° Celsius
liegen, da sonst die Enzymreaktion der Purpurase denaturiert wird und keine
Farbstoffbildung erfolgt.
Plinius erwähnt als Ergebniss des
Prozesses den rubeum color, das bucinum und das
palagium. Bucinum war dunkelrot und glänzend, der color
rubeum hingegen ein dunkles, leicht bläuliches Weinrot und schwärzlich und dunkel
war das palagium.
Die gefärbten Purpurprodukte unterschieden sich auch in ihrer Farbqualität. Die
Endfarbe beim Färbeprozess war bei murex tranculus blauviolett, bei murex Brandaris,
murex cornutus und murex haemostoma rot bis rotviolett.
Text aus: Manfred
Breitmoser, Purpur - Farbphänomen der Antike,
Purpurhandschriften - Juwele der frühen Buchmalerei
Bildnachweis:
Giorgio Liberale, Seeigel und Meeresschnecken,
Görz, 1562/63-1576 - Öster. Nationalbibliothek Cod.Ser.n.2669 |